"Concertino für Violoncello und Kammerorchester"


Michael Wahlmüller   Linz/Wien

MP3 Files des gesamten Konzerts (Sommerchor

Garsten 2002)

 

Einführung:

 
 


MOTTO:
"So leget nun ab den alten Menschen und ziehet den neuen Menschen an, der von Gott geschaffen ist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit.(Paulus)
UND:
"Nu aber bleibt Glaube/Hoffnung/Liebe/diese drey/am grössest aber ist die Liebe".
(Martin Luther)

 

 
  Dieses Werk für Violoncello und Kammerorchester ist in den Herbst- und Wintermonaten des vergangenen Jahres im Auftrag des Haidershofener Kammerorchesters entstanden.
Die beiden vorangestellten Leitsätze beziehen sich auf die Entwicklungen, die ethischen und moralischen Bildungen in uns, die durch deren Erkenntnis von der Oberfläche verschwinden, tiefer in unser Sein drängen können, wenn wir nur versuchen uns von der Passivität und Lethargie unseres kommunikations-und informationsschwangeren Zeitalters, das die Technologie und die Wirtschaft zu Götzenbilder erhebt, zu befreien.
Dies drückt sich vielleicht in den beiden folgenden Zitaten am wirkungsvollsten aus:

1. In seiner Jenaer Antrittsvorlesung im Jahre 1789 unterscheidet Friedrich Schiller den "philosophischen Kopf" vom "Brotgelehrten", "der nur darum die Kräfte seines Geistes in Bewegung setzt, um dadurch seinen sinnlichen [sc. materiellen] Zustand zu verbessern und eine kleinliche Ruhmsucht zu befriedigen, ein solcher wird [...] keine wichtigere Angelegenheit haben, als die Wissenschaft, die er Brotstudien nennt, von allen übrigen, die den Geist nur als Geist vergnügen, auf das sorgfältigste abzusondern.[...]Jede Erweiterung seiner Brotwissenschaft beunruhigt ihn, weil sie ihm neue Arbeit zusendet oder die vergangene unnütz macht;jede wichtige Neuerung schreckt ihn auf, denn sie zerbricht die alte Schulform, die er sich so mühsam zu eigen machte, sie setzt ihn in Gefahr, die ganze Arbeit seines vorigen Lebens zu verlieren.[...]Wie ganz anders verhält sich der philosophische Kopf!Ebenso sorgfältig, als der Brotgelehrte seine Wissenschaft von allem übrigen absondert, bestrebt sich jener, ihr Gebiet zu erweitern und ihren Bund mit den übrigen wiederherzustellen.[...]Durch immer neue und immer schönere Gedankenformen schreitet der philosophische Geist zu höherer Vortrefflichkeit fort, wenn der Brotgelehrte in ewigem Geistesstillstand das unfruchtbare Einerlei seiner Schulbegriffe hütet." (1)

2."Und doch war schon das Suchen nach Weisheit, geschweige das Finden weit vorzuziehen dem Besitz von Schätzen und Königreichen und allen erdenklichen, jeden Augenblick zur Verfügung stehenden leiblichen Genüssen." (2)

In meinem Werk habe ich versucht einen Weg nachzuzeichnen, der jede Erkenntnis, jedes Verstehen und Reflektieren konstituiert:Das viersätzige Werk drängt von der leichtfüßigen, unbekümmerten Stimmung des ersten Satzes über die beiden sehr aufwühlenden Mittelsätze zum letzten Satz, der in gewisser Weise eine Meta-Ebene darstellt und in der Liebe, sprich auch der Toleranz etc...seine Erfüllung findet.Diese metaphysische Hinterwelt bleibt die vielleicht übergeordnete Bestimmung, Aufgabe des Menschen.
Die Viersätzigkeit des Werkes wird auf verschiedene Weise symbolisch benützt:
A."...Kurz, das Concert hat viele Aehnlichkeit mit der Tragödie der Alten, wo der Schauspieler seine
Empfindungen nicht gegen das Parterre, sondern gegen den Chor äußerte, und dieser hingegen auf das
genaueste in die Handlung verflochten, und zugleich berechtigt war an dem Ausdruck der Empfindung
Antheil zu haben. (3)

Gleichsetzung der vier Sätze mit den Arbeitsphasen der antiken Redekunst:

I.)Inventio (das Finden eines Themas etc...)>Allegretto capriccioso (Idee von der Oberflächlichkeit im eigenen Handeln, die versucht auszubrechen)
II.)Dispositio (Formgebung)>Lamentatio (Erkenntnis der eigenen Oberflächlichkeiten und Fehler in den entsprechenden Formen, Ausprägungen)
III.Elocutio (Arbeit im Detail)>Allegro energico (Das Streben in die Tiefe, Kampf mit sich selbst)
IV.)Memoria>CODA des 3 Satzes
V.)Pronuntiatio (Vortrag)>Langsame Viertel (Metaphysische Ebene wird betreten)

B.Gleichsetzung mit den vier Tempramenten:
I.Satz>SANGUINISCH
II.Satz>PHLEGMATISCH
III.Satz>CHOLERISCH
IV.Satz>MELANCHOLISCH

C.Gleichsetzung mit den vier Bestimmungsstücken der Erkenntnistheorie:
1.)Erkenntnissubjekt-antropologischer Ansatz:
Das erkennende Subjekt beginnt sich zu begreifen. (Im Laufe des ersten Satzes)
2.Erkenntnisobjekt-naturalistischer, materialistischer Ansatz:
Die Formen und Ausprägungen strömen ins Bewußtsein
3.Erkenntnismedium-linguistischer Ansatz:
Verdeutlichung, Versprachlichung
4.Erkenntnisresultat-szientistischer Ansatz
Übergeordnete Ebene als Resultat der Reflexion

Das musikalische Material bewegt sich-im Gegensatz zu den anderen Werken in diesem Dunstkreis, die eher an Aleatorik, Serialität und Klangkomposition orientiert sind-im Bereich des Freitonalen.
Als mittlerweile typisches "Markenzeichen" meines Kompositionsverständnisses ist auch die Miteinbeziehung von Zahlen-und Buchstabensymbolik und die Verwendung alter Formen und Choräle zu sehen:
a.)Zahl "4">Zahl des Menschen/Zahl "8">in der Kabbala die Zahl für Unendlichkeit
b.)Buchstabensymbolik:Hauptmotiv des letzten Satzes ist eine Namensausdeutung (!)
c.)Verwendung der Form einer Passacaglia (Symbol für Ausharren) in Verbindung mit dem alten Cantus firmus "Wer nur den lieben Gott lässt walten"
Der philosophisch-theologische Hintergrund des Werkes ist bei all jenen Ausführungen natürlich nicht zwingend für das Verstehen des Concertinos.
Trotz allem Idealismus, der vielleicht auch hinter diesen Zeilen steckt und trotz aller Sehnsucht, die sich mit ihm paart, glaube ich doch darin auf etwas zu stoßen was für unser Leben existentiell ist:Das Emporsteigen des Geistes aus der Passivität und Unreflektiertheit zur Liebe.
So ist gerade in diesen Zeiten die Bildung der Tiefe in der Erkenntnisfähigkeit und Emotionalität jedes Menschen die einzige Möglichkeit den Zweck unseres Daseins zu erfüllen.
Der Philosoph Günter Anders (1902-1992) schreibt in seinem Meisterwerk "Die Antiquiertheit des Menschen":
"Mit dem 6.August 1945 hat ein neues Zeitalter begonnen:das Zeitalter, in dem wir in jedem Augenblick
jedem Ort, nein, unsere Erde als ganze, in ein Hiroshima verwandeln können.Seit diesem Tag sind wir modo negativo allmächtig geworden;aber da wir in jedem Augenblick ausgelöscht werden können, bedeutet das zugleich:seit diesem Tag sind wir total ohnmächtig.Gleich wie lange, gleich ob es ewig währen wird, dieses Zeitalter ist das letzte:Denn seine differentia spezific:die Möglichkeit unserer
Selbstauslöschung, kann niemals enden-es sei denn durch das Ende selbst." (4)
"Nu aber bleibt [für uns]Glaube/Hoffnung/Liebe/diese drey/am grössest aber ist die Liebe."(5)

Michael Wahlmüller

 
 

(1)Friedrich Schiller:Antrittsvorlesung in Jena:"Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?Aurelius
(2)Augustinus:Confessiones
(3)Koch:Musiklexikon
(4)Günter Anders:"Die Antiquiertheit des Menschen"
(5)Martin Luther