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Dieses Werk
für Violoncello und Kammerorchester ist in den Herbst- und Wintermonaten
des vergangenen Jahres im Auftrag des Haidershofener Kammerorchesters entstanden.
Die beiden vorangestellten Leitsätze beziehen sich auf die Entwicklungen,
die ethischen und moralischen Bildungen in uns, die durch deren Erkenntnis
von der Oberfläche verschwinden, tiefer in unser Sein drängen
können, wenn wir nur versuchen uns von der Passivität und Lethargie
unseres kommunikations-und informationsschwangeren Zeitalters, das die Technologie
und die Wirtschaft zu Götzenbilder erhebt, zu befreien.
Dies drückt sich vielleicht in den beiden folgenden Zitaten am wirkungsvollsten
aus:
1. In seiner Jenaer Antrittsvorlesung im Jahre 1789 unterscheidet Friedrich
Schiller den "philosophischen Kopf" vom "Brotgelehrten",
"der nur darum die Kräfte seines Geistes in Bewegung setzt, um
dadurch seinen sinnlichen [sc. materiellen] Zustand zu verbessern und eine
kleinliche Ruhmsucht zu befriedigen, ein solcher wird [...] keine wichtigere
Angelegenheit haben, als die Wissenschaft, die er Brotstudien nennt, von
allen übrigen, die den Geist nur als Geist vergnügen, auf das
sorgfältigste abzusondern.[...]Jede Erweiterung seiner Brotwissenschaft
beunruhigt ihn, weil sie ihm neue Arbeit zusendet oder die vergangene unnütz
macht;jede wichtige Neuerung schreckt ihn auf, denn sie zerbricht die alte
Schulform, die er sich so mühsam zu eigen machte, sie setzt ihn in
Gefahr, die ganze Arbeit seines vorigen Lebens zu verlieren.[...]Wie ganz
anders verhält sich der philosophische Kopf!Ebenso sorgfältig,
als der Brotgelehrte seine Wissenschaft von allem übrigen absondert,
bestrebt sich jener, ihr Gebiet zu erweitern und ihren Bund mit den übrigen
wiederherzustellen.[...]Durch immer neue und immer schönere Gedankenformen
schreitet der philosophische Geist zu höherer Vortrefflichkeit fort,
wenn der Brotgelehrte in ewigem Geistesstillstand das unfruchtbare Einerlei
seiner Schulbegriffe hütet." (1)
2."Und doch war schon das Suchen nach Weisheit, geschweige das Finden
weit vorzuziehen dem Besitz von Schätzen und Königreichen und
allen erdenklichen, jeden Augenblick zur Verfügung stehenden leiblichen
Genüssen." (2)
In meinem Werk habe ich versucht einen Weg nachzuzeichnen, der jede Erkenntnis,
jedes Verstehen und Reflektieren konstituiert:Das viersätzige Werk
drängt von der leichtfüßigen, unbekümmerten Stimmung
des ersten Satzes über die beiden sehr aufwühlenden Mittelsätze
zum letzten Satz, der in gewisser Weise eine Meta-Ebene darstellt und in
der Liebe, sprich auch der Toleranz etc...seine Erfüllung findet.Diese
metaphysische Hinterwelt bleibt die vielleicht übergeordnete Bestimmung,
Aufgabe des Menschen.
Die Viersätzigkeit des Werkes wird auf verschiedene Weise symbolisch
benützt:
A."...Kurz, das Concert hat viele Aehnlichkeit mit der Tragödie
der Alten, wo der Schauspieler seine
Empfindungen nicht gegen das Parterre, sondern gegen den Chor äußerte,
und dieser hingegen auf das
genaueste in die Handlung verflochten, und zugleich berechtigt war an dem
Ausdruck der Empfindung
Antheil zu haben. (3)
Gleichsetzung der vier Sätze mit den Arbeitsphasen
der antiken Redekunst:
I.)Inventio (das Finden eines Themas etc...)>Allegretto
capriccioso (Idee von der Oberflächlichkeit im eigenen Handeln, die
versucht auszubrechen)
II.)Dispositio (Formgebung)>Lamentatio (Erkenntnis der
eigenen Oberflächlichkeiten und Fehler in den entsprechenden Formen,
Ausprägungen)
III.Elocutio (Arbeit im Detail)>Allegro energico (Das
Streben in die Tiefe, Kampf mit sich selbst)
IV.)Memoria>CODA des 3 Satzes
V.)Pronuntiatio (Vortrag)>Langsame Viertel (Metaphysische
Ebene wird betreten)
B.Gleichsetzung mit den vier Tempramenten:
I.Satz>SANGUINISCH
II.Satz>PHLEGMATISCH
III.Satz>CHOLERISCH
IV.Satz>MELANCHOLISCH
C.Gleichsetzung mit den vier Bestimmungsstücken der
Erkenntnistheorie:
1.)Erkenntnissubjekt-antropologischer Ansatz:
Das erkennende Subjekt beginnt sich zu begreifen. (Im Laufe des ersten
Satzes)
2.Erkenntnisobjekt-naturalistischer, materialistischer Ansatz:
Die Formen und Ausprägungen strömen ins Bewußtsein
3.Erkenntnismedium-linguistischer Ansatz:
Verdeutlichung, Versprachlichung
4.Erkenntnisresultat-szientistischer Ansatz
Übergeordnete Ebene als Resultat der Reflexion
Das musikalische Material bewegt sich-im Gegensatz zu den
anderen Werken in diesem Dunstkreis, die eher an Aleatorik, Serialität
und Klangkomposition orientiert sind-im Bereich des Freitonalen.
Als mittlerweile typisches "Markenzeichen" meines Kompositionsverständnisses
ist auch die Miteinbeziehung von Zahlen-und Buchstabensymbolik und die
Verwendung alter Formen und Choräle zu sehen:
a.)Zahl "4">Zahl des Menschen/Zahl "8">in der
Kabbala die Zahl für Unendlichkeit
b.)Buchstabensymbolik:Hauptmotiv des letzten Satzes ist eine Namensausdeutung
(!)
c.)Verwendung der Form einer Passacaglia (Symbol für Ausharren) in
Verbindung mit dem alten Cantus firmus "Wer nur den lieben Gott lässt
walten"
Der philosophisch-theologische Hintergrund des Werkes ist bei all jenen
Ausführungen natürlich nicht zwingend für das Verstehen
des Concertinos.
Trotz allem Idealismus, der vielleicht auch hinter diesen Zeilen steckt
und trotz aller Sehnsucht, die sich mit ihm paart, glaube ich doch darin
auf etwas zu stoßen was für unser Leben existentiell ist:Das
Emporsteigen des Geistes aus der Passivität und Unreflektiertheit
zur Liebe.
So ist gerade in diesen Zeiten die Bildung der Tiefe in der Erkenntnisfähigkeit
und Emotionalität jedes Menschen die einzige Möglichkeit den
Zweck unseres Daseins zu erfüllen.
Der Philosoph Günter Anders (1902-1992) schreibt in seinem Meisterwerk
"Die Antiquiertheit des Menschen":
"Mit dem 6.August 1945 hat ein neues Zeitalter begonnen:das Zeitalter,
in dem wir in jedem Augenblick
jedem Ort, nein, unsere Erde als ganze, in ein Hiroshima verwandeln können.Seit
diesem Tag sind wir modo negativo allmächtig geworden;aber da wir
in jedem Augenblick ausgelöscht werden können, bedeutet das
zugleich:seit diesem Tag sind wir total ohnmächtig.Gleich wie lange,
gleich ob es ewig währen wird, dieses Zeitalter ist das letzte:Denn
seine differentia spezific:die Möglichkeit unserer
Selbstauslöschung, kann niemals enden-es sei denn durch das Ende
selbst." (4)
"Nu aber bleibt [für uns]Glaube/Hoffnung/Liebe/diese drey/am
grössest aber ist die Liebe."(5)
Michael Wahlmüller
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